Paarhaltung Reptilien

Wir sprechen hier nicht nur von der Haltung eines Männchens mit einem Weibchen, sondern grundsätzlich von der "gemischtgeschlechtlichen" Haltung, also auch z.B. ein Männchen mit zwei oder drei Weibchen. Leider wird immer noch in etlichen Büchern, Zoohandlungen und von Züchtern zu einer Paarhaltung oder einem Männchen mit mehreren Weibchen geraten. Warum dies noch immer so erzählt wird, ist schwierig zu sagen. Einerseits könnte es daher kommen, dass der Männchen "Überschuss" untergebracht werden muss oder grundsätzlich lieber mehr als ein Tier verkauft wird. Denn viele wollen immer noch mehr als ein Reptil Zuhause halten und wo käme man als Verkäufer hin, wenn man die Männchen nur in Einzelhaltung vermitteln würde - da würde man ja dann drauf sitzen bleiben und dann könnte man keine weiteren Jungtiere produzieren. Allenfalls liegt es auch an fehlender Empathie für die Weibchen oder allgemein für die Tiere oder man macht es einfach, weil man es schon immer so macht. Glücklicherweise merkt man zumindest in den Info-Gruppen auf Facebook einen Wandel dieser Mentalität! Gute Züchter halten mittlerweile ihre Männchen getrennt von den Weibchen und setzen sie nur gezielt zur Paarung zusammen. Auch wird jedem Neuankömmling immer wieder zur Einzelhaltung oder Haltung von Weibchen-Gruppen geraten. Wir sind sehr froh, dass sich zumindest hier erste Veränderungen bemerkbar machen und hoffen, dass sich das weiter verbreitet Schritt für Schritt. Aber warum ist das so, warum ist man "plötzlich" gegen Paarhaltung? Naja, die gemischtgeschlechtliche Haltung hat selbstverständlich Eier oder lebendgeborene Jungtiere zur Folge. Zur Aufzucht von Jungtieren braucht es immer noch etwas mehr Fachwissen als das meist sowieso schon mangelhafte Wissen zur Haltung der Reptilien, ausserdem brauchen die Jungtiere wiederum ein neues gutes Zuhause und müssen bis dahin einzeln oder in kleineren Gruppen untergebracht werden. Im schlimmsten Fall gibt es schwerwiegende gesundheitliche Folgen für die Jungtiere bis hin zum Tod, wenn man bei der Aufzucht etwas falsch macht. Ich möchte lieber nicht wissen wie viele Babys jährlich leiden müssen unter der falschen Aufzucht, auf Ellbogen robben wegen Rachitis oder ihre Geschwister ihnen Füsse abbeissen wegen der Gruppenhaltung von Einzelgängern. Die Aufzucht von Jungtieren ist nicht mal eben so gemacht, erfordert viel Zeit und Wissen und Platz und Geld. "Mal eben ein Ei ausbrüten" ist nicht so einfach wie man sich das denkt, es müsste eigentlich mittlerweile genau so verwerflich sein wie "meine Katze soll einmal Junge bekommen".  Wenn wir einen Schritt zurückgehen und einfach sagen "ja dann brüte ich eben nichts aus!" wäre das Problem ja anscheinend gelöst - weit gefehlt (und bei lebend gebärenden Reptilien auch nicht möglich). Man soll nun also diese zwei bis drei Weibchen Jahr für Jahr dem Paarungsdrang des Männchens aussetzen, viel Stress, keine Fluchtmöglichkeit, allenfalls Bissverletzungen von der Paarung. Nur um die Eier dann wegzuwerfen. Ein Terrarium ist nicht die Natur, die Weibchen können nicht weg egal wie gross das Terrarium ist, es ist ein begrenzter Lebensraum. Dann legen sie also Jahr für Jahr diese Eier, bei jedem einzelnen Ei mit dem Risiko einer möglichen Legenot oder anderen Komplikationen. Sie müssen extrem viel mehr Futter aufnehmen um diesen Kraftakt überhaupt überstehen zu können, die Kalziumversorgung muss vorhanden sein um keine Rachitis auszulösen. Abgesehen davon ist eierlegen ziemlich wahrscheinlich wie jede andere "Geburt" ob Mensch oder Tier nicht gerade angenehm ob das nun natürlich ist oder nicht. Es macht also absolut keinen Sinn die Eier wegzuwerfen und trotzdem Paarhaltung zu betreiben, es ist extrem stressig und strapazierend für die Weibchen. Würde jemand seine Hündin immer bei jeder Läufigkeit decken lassen und Welpen um Welpen produzieren, wäre das Geschrei doch auch gross oder nicht? Oder denken wir an manche Bauern die ihre Katzen nicht kastrieren lassen und die Jungtiere dann einfach ertränken oder gegen die Wand werfen. Das findet man beides nicht in Ordnung, aber ein Reptil andauernd Eier legen zu lassen soll in Ordnung sein? Warum denn? Nur weil sie ihre Emotionen schlechter ausdrücken können? Weil sie nicht vor Schmerz schreien können? Weil sie nicht müde aussehen können? Weil sie nicht struppig und abgeschlagen aussehen können? Diese Tiere haben auch Gefühle, sie spüren Schmerz und Unwohlsein, es geht ihnen schlecht mit dieser extremen dauerhaften Belastung.  Abgesehen davon gibt es von den Reptilien Arten die am meisten gehalten werden mehr als genug Jungtiere. Es macht also absolut keinen Sinn noch mehr zu produzieren, wenn wir schon genug haben die schlecht gehalten werden oder in Tierheimen auf ein neues Zuhause warten. Es wäre doch sinnvoller sich erstmal um die Tiere zu kümmern die bereits da sind! Wenn wir das im Griff haben, wenn keine Reptilien mehr in Auffangstationen und Tierheimen landen müssen, dann erst macht es wieder Sinn weitere Jungtiere zu produzieren, und nur dann auch von erfahrenen Haltern welche sich mit der Aufzucht auskennen. Es hilft nicht wegzuschauen und sich einzureden "aber meine Jungtiere sind gesund und die schönsten und ich verkaufe nur in gute Hände!" keiner kann garantieren wo sein Jungtier in 2 Jahren oder 5 Jahren oder 20 Jahren landet - vielleicht in schlechten Händen? Klar, das kann auch ein Tierheim nicht garantieren, aber immerhin haben wir die Tiere nicht noch zusätzlich in die Welt gestellt. Sind wir ehrlich, wenn man sich die Inserate ansieht sieht man schnell, dass etliche Tiere in jungen Jahren etliche Male die Halter wechseln, dass es in den Inseraten kaum mal eine wirklich artgerechte Haltung zu sehen gibt. Solange das so ist, macht es keinen Sinn noch mehr Jungtiere in die Welt zu setzen. Aus all diesen Gründen vermitteln wir unsere Pflegetiere ausschliesslich in gleichgeschlechtliche Haltung, bei männlichen Echsen nur in Einzelhaltung, genauso vermitteln wir Bartagamen und Zwergbartagamen nur in Einzelhaltung egal ob Männchen oder Weibchen da es absolute Einzelgänger sind. 80% der Bartagamen die wir aufnehmen haben fehlende Zehen, fehlende Füsse, fehlende Schwanzspitzen - weil sie zu zweit oder mehr gehalten wurden. Wir möchten nicht, dass unsere Tiere wieder so leiden. Ja wo kämen wir da denn hin, wenn wir Männchen nur in Einzelhaltung vermitteln und Bartagamen sowieso? Wir kommen zu einer artgerechten und leidfreien Haltung wie wir es uns für unsere Pfleglinge wünschen für den Rest ihres Lebens. Und es finden sich auch Halter denen dies bewusst ist und die diese Haltung auch so praktizieren und den Reptilien ein schönes Leben bieten. Wir werden von diesem Weg nicht abkommen und weiter für die Einzelhaltung und gleichgeschlechtliche Haltung kämpfen. 

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