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Das Riesenproblem mit den Riesenschlangen

Als wieder einmal eine Anfrage zur Aufnahme einer grösseren Boa constrictor reinflatterte, war es mir eigentlich schon bewusst – wir haben keinen Platz so grosse Tiere aufzunehmen und auch sonst kein Tierheim in der Schweiz.

Da es sich um einen Notfall handelte, habe ich mich trotzdem einen halben Tag lang durch sämtliche Tierheime und Organisationen telefoniert, welche annähernd mit dem Thema Reptilien zu tun hatten. Und immer wieder schallte dieses verzweifelte Lachen durch den Hörer, wenn sie im Satz «Boa constrictor» und «ca. 3 Meter» hörten. Ja, dieses Lachen kannte ich schon von mir selbst. In diesem Fall war es ein absoluter Glücksgriff, dass ich doch noch einen Platz für die Boa in einem Zoo fand.

Von den «richtigen» Riesenschlangen wie Tigerpython und Netzpython sprechen wir hier ja noch nicht mal. Auch für diese Arten erreichen uns immer wieder Anfragen, allerdings existiert keine einzige Auffangstation in der Schweiz, die diese bewilligungspflichtigen Tiere aufnehmen könnte. Aber das ist ein anderes Problem, wir sprechen hier heute von Boa constrictor, von Madagaskarboas, von Teppichpythons, von Schönnattern und all den anderen Schlangenarten, die gerne mal an die 2 Meter lang oder länger werden und keine Haltebewilligung benötigen.

Gerade Boa constrictor wird sehr häufig vermehrt und verkauft, gerne noch als kleine Babys an Reptilienbörsen oder in Zoofachgeschäften, wo Käufer keinen visuellen Eindruck davon bekommen, wie gross und schwer so eine Boa eines Tages sein wird. Dies spiegelt sich dann gerne in den Gratisinseraten wider, wo viele Boas ab einer Grösse von 150-200cm auf der Suche nach einem neuen Zuhause sind. Auf den Fotos sind häufig zu kleine Terrarien zu sehen und der Grund für die Abgabe ist eigentlich klar – nicht nur, dass offenbar das Interesse nach wenigen Monaten oder Jahren verloren gegangen ist, auch sind die kleinen Babyschlangen ihren Haltern einfach bereits über den Kopf gewachsen. Auch scheint sich kaum einer vor der Anschaffung Gedanken darüber gemacht zu haben, dass so eine Riesenschlange zwar schnell gekauft ist, aber kaum wieder loszuwerden ist. Oder, dass die echt verdammt alt werden und man für Jahrzehnte eine grosse Verantwortung trägt. Da hätte man sich vielleicht besser eine Kornnatter angeschafft – die wird man zwar auch nicht mehr los, aber immerhin kann sich ein Tierheim oder eine Auffangstation noch um die Unterbringung kümmern (wenn denn da noch ein Platz frei wäre, da es ja auch für die kleinen Reptilien kaum Tierheimplätze gibt). Na gut, in diesem Fall hätte man sich vielleicht besser überhaupt keine Schlange angeschafft, wenn man sie sowieso irgendwann wieder weghaben will.

Reptilien werden als Haustiere immer beliebter, dieser Trend setzt sich seit Jahren fort. Wir können im Tierschutz jetzt schon die ganzen Riesenschlangen nicht abfangen, wie soll das dann erst in ein paar Jahren sein? Wer soll all diese riesigen Tiere unterbringen, die so lange leben und so viel Platz benötigen? Mittlerweile fällt (nicht von uns) auch immer wieder der Satz «Was so gross? Ja dann einschläfern…» und ich will nicht wissen, wie oft das evtl. tatsächlich passiert. Diese Schlangen sollen mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass ihre Halter sich aus der Verantwortung ziehen? Sie sollen mit ihrem Leben dafür bezahlen, weil sie munter in Massen weiter vermehrt werden obwohl keiner die Adulten Tiere unterbringen kann? Sie sollen mit ihrem Leben dafür bezahlen, weil der Staat Tierheime nicht finanziell unterstützt und keine geeigneten Unterbringungen für die Tiere geschaffen werden können? In diesen Momenten schäme ich mich dafür, ein Mensch zu sein.

Wir sprechen hier wirklich davon, dass praktisch keine Schlange über 2 Meter Länge in einem Tierheim untergebracht werden kann, das scheint niemandem bewusst zu sein.

Bitte versteht das als Weckruf, diese Tiere nicht mehr zu vermehren. Oder zumindest Interessenten zuhause zu zeigen, wie gross so ein Tier wird und wie gross das Terrarium dann auch sein muss, statt die Babys an Börsen zu verkaufen. Es handelt sich nicht mehr um handelsübliche Terrariengrössen, die man mal eben aufgestellt hat. Es sind Grossraumterrarien, die man in der Regel selbst bauen muss oder viel Geld dafür bezahlt, um es bauen zu lassen und die auch bei einem Umzug sehr umständlich ab- und wieder aufzubauen sind. Die Interessenten müssen sich bewusst sein, wie alt so ein Tier wird – meist wird das Höchstalter mit um die 20 Jahre angegeben, viele werden aber 30-40 Jahre alt und älter. Und es braucht einen Notfallplan, was passiert mit der Riesenschlange, wenn ich verunfalle oder erkranke? Kann ich mir die Haltung wirklich dauerhaft und für Jahrzehnte leisten? Kann ich dem Tier wirklich für immer ein Zuhause bieten? Denn wie gesagt, «einfach loswerden» wird man die Riesenschlangen nicht mehr. Und das ist am Ende immer das Riesenproblem.



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